«Wir schwimmen gegen den Strom»

    Die Churer Firma Rotauf ist mit einem unkonventionellen Geschäftsmodell erfolgreich in der Outdoorbranche unterwegs. Dabei macht das KMU bei der Nachhaltigkeit keine Kompromisse – sie ist wichtiger als Funktionalität. Die Textilen werden alle in der Schweiz produziert – eine einzigartige Kollektion. 

    (Bilder: zVg) Pionier in der Outdoor-Branche: Rotauf hebt sich mit einer konsequenten lokalen Philosophie und einem gelebten nachhaltigen Ansatz vom gleichförmigen Mainstream ab.

    Die globale Textilindustrie ist ein Drecksgeschäft. Rotauf lässt den Dreck weg. Die bekannte Marke steht für hochwertige Outdoor-Bekleidung, die unter dem Motto «radikal Swiss Made, radikal Minimal» ausschliesslich in der Schweiz produziert wird. «Wir schwimmen gegen den Strom und nehmen jeden Aspekt der konventionellen Outdoorindustrie und Kleiderproduktion unter die Lupe. Was für uns keinen Sinn ergibt oder Mensch, Tier und Umwelt schadet, machen wir anders – oder wir verzichten ganz darauf», erklärt CEO Peter Hollenstein. Er hat an der Universität St. Gallen Betriebswirtschaft studiert und sich dann früh auf Nachhaltigkeitsthemen spezialisiert. Seit rund einem Jahr führt er das Textilunternehmen mit Sitz in Chur. «Wir tun das, was wir tun – oder lassen – so radikal wie möglich. So produzieren wir unsere Produkte nicht nur gänzlich in der Schweiz, sondern verzichten komplett auf schädliche Chemikalien. Das kommt in der heutigen Zeit des omnipräsenten Greenwashings gut an.»

    Rotauf produziert Outdoorbekleidung – von der funktionalen Unterwäsche bis zur wasserdichten Funktionsjacke. Die meisten Produkte – Jacken, Hosen, Mützen, Shirts und Pullover – eignen sich bestens für den Alltag. «Zunehmend stellen wir auch Bekleidung für Unternehmen her, welche ihre Mitarbeiter mit nachhaltiger, in der Schweiz produzierter Kleidung ausstatten und so ein Zeichen setzen möchten», sagt Hollenstein. Rotauf verkauft jährlich zwischen 5000 bis 7000 Kleidungsstücke. 

    Vollständiger Verzicht auf Giftstoffe 

    Rotauf-Textilien sind funktional, auf das Wesentliche reduziert, schlicht, zeitlos und vielseitig einsetzbar – also ziemlich das Gegenteil der aktuellen Trends in der Industrie. Sie sind mit nachhaltigen Materialien in der Schweiz hergestellt und kommen ganz ohne schädlich Chemikalien aus. So bietet Rotauf keine Softshell-Jacken an, solange diese nicht ohne Elastan produziert werden können. Auch auf den Einsatz der schädlichen PFC-Chemikalien und anderer Giftstoffe, die bei der Imprägnierung verwendet werden, verzichtet das Rotauf-Team. Ebenso auf die Plastikbeschichtung der Merion-Wollfasern. Dadurch sind die Merinoprodukte von Rotauf etwas weniger robust, aber umweltverträglicher und weniger anfällig für Schweissgeruch. Und Hollenstein ergänzt: «Oftmals braucht es gar keine Alternative, weil der Giftstoff für etwas aus unserer Sicht völlig Unnötiges eingesetzt wird –zum Beispiel um eine Performance zu erreichen, welche ein normaler Outdoorsportler nie im Leben braucht. Oder eben um die Bildung von Gerüchen zu verhindern. Davor bietet Wolle einen natürlichen Schutz – komplett ohne Chemie.» Rotauf hat einen engen Austausch mit den Produktionspartnern und lässt alle Stoffe sehr umfangreich testen. 

    Rotauf produziert seine Produkte nicht nur gänzlich in der Schweiz, sondern verzichten komplett auf schädliche Chemikalien.

    Potenzial sieht Hollenstein bei den verwendeten Rohstoffen: «Wir verwenden Bündner Wolle für die Fütterung unserer Isolationsjacken und haben eine Mütze aus Schweizer Merinowolle lanciert. Aber das ist natürlich nur ein Tropfen auf den heissen Stein. Bei der Beschaffung der Rohstoffe sind wir leider zu einem grossen Teil noch auf das Ausland angewiesen.» So bezieht Rotauf Bio-Baumwolle von einem Schweizer Produzenten in Tansania und die Bio-Merinowolle stammt aus Südamerika. «Wir haben hier also wortwörtlich noch einen weiten Weg vor uns. Es ist gut möglich, dass wir in den nächsten Jahren noch zusätzliche Produkte aus Schweizer Wolle lancieren, das ist ein geniales Material.» Auch bezüglich Schweizer Hanf und Flachs besteht Potenzial. 

    Lokale Partner unterstützen 

    Mit einem Umsatz von rund 1 Million Franken und lediglich 3,5 Vollzeitstellen ist Rotauf ein kleiner Akteur im Outdoormarkt, aber ein wichtiger Partner für die lokale Textilindustrie. «Wir arbeiten mit über 20 Schweizer Produktionspartnern auf fast allen Wertschöpfungsstufen zusammen: Stickereien, Webereien, Färbereien, Näheren usw. Wir sind sehr stolz auf unsere Partner», so Hollenstein. So hat die Churer Marke einer vom Konkurs bedrohten Trachtennäherei in Appenzell zu einem weiteren Standbein verholfen, indem sie ihr die Endverarbeitung ihrer wasserdichten Jacken anvertraute. Weiter hat Rotauf mit den ersten Produkten aus Schweizer Merinowolle von Schafen im Emmental, im Jura und im Thurgau überrascht. Hollenstein ist der Werkplatz Schweiz ein zentrales Anliegen: «Es ist wichtig, Arbeitsplätze und über Generationen aufgebautes Know-How in der Schweizer Textilindustrie zu erhalten und der Branche mit innovativen Produkten neuen Schwung zu verleihen.»

    Die Nähe zu ihren Produzenten nutzt Rotauf auch, um ein innovativer Partner für Forschungsprojekt zu sein. 2020 hat das Unternehmen beispielsweise eine Jacke mit einer neuartigen, umweltfreundlichen Membran als Testserie auf den Markt gebracht – gemeinsam mit dem ETH-Spin-off Dimpora, das eine PFC-freie alternative zur Gore Tex-Membran entwickelt hat. 

    Rotauf ist ein wichtiger Partner für die lokale Textilindustrie.

    Mit Direktvertrieb über den eigenen Webshop und Verzicht auf teures Marketing gelingt es Rotauf, die Schweizer Produkte zu konkurrenzfähigen Preisen im oberen Segment anzubieten. «Wir richten uns an eine naturverbundene Kundschaft, die ein Bewusstsein hat für den Wert eines Produktes und mit dem Kaufentscheid die lokale Textilindustrie unterstützen möchte», erklärt Hollenstein. Diese Zielgruppe ist dann auch bereit, den Preis für nachhaltige Schweizer Produktion zu zahlen. 

    Die kleine, aber feine Bündner Textilmanufaktur hat bis jetzt sehr viele Herausforderungen erfolgreich gemeistert. In der ersten Phase war die Entwicklung von raffinierten, funktionalen Produkten die grösste Herausforderung. Dann folgte der Aufbau einer tragfähigen Lieferkette in der Schweiz, um die Produkte in der gewünschten Qualität und Anzahl herstellen zu können. In der aktuellen Phase sieht Hollenstein als grösste Herausforderung, die Produkte an die Frau oder den Mann zu bringen. «Wir möchten möglichst viele potenzielle Kunden auf uns und unsere Produkte aufmerksam machen.» Nachhaltigkeit ist in der Textilindustrie seit einigen Jahren das Thema Nummer eins. «Und doch stehen wir noch ziemlich am Anfang», stellt Hollenstein fest. Ausgehend von der schieren Grösse der Branche und dem aktuellen, frühen Entwicklungsstadium in Bezug auf Nachhaltigkeit, erachtet er das Potenzial als riesig. Der innovative Unternehmer arbeitet momentan daran, den «Proof of Concept» für sein einzigartiges Geschäftsmodell zu erbringen. «Vor allem in Bezug auf die Wirtschaftlichkeit haben wir noch ein paar Hausaufgaben zu machen. Danach geht es darum, das was wir tun, noch besser, noch radikaler zu tun – und andere zu inspirieren.» 

    Corinne Remund

    www.rotauf.ch


    Die Geschichte dahinter

    Alles begann mit einer Lawinenboje – das erste Produkt von Rotauf war eine Art Ballon, welcher einen Verschütteten im Falle eines Lawinenniederganges markiert. Diese Boje war Rot – daher der Name ROTAUF – und so konzipiert, dass sie direkt in Skibekleidung eingearbeitet werden konnte. Nachdem eine geplante Partnerschaft mit einer grossen Outdoormarke kurz vor dem Produktlaunch abgesagt wurde, haben die beiden Gründer – Remo Frei und Curdegn Bandli –entschieden, selbst passende Kleider in der Schweiz herzustellen. Die Boje wurde nach kurzer Zeit eingestellt, aber die Kleider sind geblieben.

    Die Manufakturgeschichte lässt sich in drei Phasen einteilen. In der ersten Phase ging es primär darum, raffinierte und funktionale Produkte zu entwickeln, welche auch höchsten Ansprüchen in Bezug auf Nachhaltigkeit genügen. In der zweiten Phase war der Fokus, eine stabile Zusammenarbeit mit den verbleibenden Schweizer Produzenten zu etablieren, damit die Produkte hierzulande in der gewünschten Quantität und Qualität hergestellt werden können. «Wir möchten in der aktuellen, dritten Phase möglichst viele potenzielle Kundinnen und Kunden ansprechen und auf unser einzigartiges Angebot aufmerksam machen. Das Rekord-Crowdfunding von 2020 war ein super Startschuss für diese Phase», freut sich Rotauf-Chef Peter Hollenstein.

    CR