Stromversorgungssicherheit: Der gesunde Mix macht’s

    Bereits ab 2025 droht der Schweiz im Winter der Strom auszugehen. Aus Sicht der Wirtschaft braucht es jetzt fünf Massnahmen, um diese Gefahr abzuwenden. Wir stellen sie vor. 

    (Bilder: pixabay) Die Speicherwasserkraft ist zu fördern.

    Die Stromversorgungssicherheit in der Schweiz war bisher immer eine Selbstverständlichkeit. Seit ein paar Monaten allerdings ist die Stromversorgung in aller Munde und düstere Szenarien tauchen auf. Letztes Jahr hat die Eidgenössische Elektrizitätskommission (ElCom) gewarnt, dass der Schweiz bereits ab 2025 in den Wintermonaten der Strom ausgehen könnte. Kurz darauf hat die Organisation für Stromversorgung in Ausserordentlichen Lagen (Ostral) hunderte Schweizer Unternehmen mit einem jährlichen Stromverbrauch von über 100 Megawattstunden zur Vorbereitung auf eine mögliche Stromkontingentierung aufgefordert. Laut der Risikoabschätzung des Bundes wären im Falle einer Strommangellage Schäden im zwei- bis dreistelligen Milliardenbereich möglich. Was ist passiert? 

    Gefährliche Entwicklung verschlafen
    Die Energiepolitik hat eine gefährliche Entwicklung schlicht verschlafen. Drei Faktoren haben zu einer Verschärfung der Situation geführt: Erstens brauchen wir trotz steigender Effizienz immer mehr Strom. Die Schweiz will bis 2050 netto emissionsfrei sein. Die Dekarbonisierung von Gesellschaft und Wirtschaft bedeutet in erster Linie eine Elektrifizierung und somit einen steigenden Strombedarf. Um etwa 40 Prozent muss der Gesamtenergieverbrauch in den nächsten 30 Jahren sinken. Das ist etwa sechs bis sieben Mal der Jahresverbrauch des Kantons Zürich. Mehr als die Hälfte unserer Stromproduktion für das Jahr 2050 ist heute noch nicht gebaut, wobei wir wohl fast 40 Prozent mehr Strom brauchen werden. Zweitens sind im letzten Jahr die Verhandlungen zum Rahmenabkommen mit der EU und somit auch das Stromabkommen mit der EU gescheitert. Dadurch wird unser Zugang zum Strombinnenmarkt der EU laufend eingeschränkt – die Schweiz kann sich nicht mehr darauf verlassen, dass die bereits bestehende Stromlücke im Winter weiterhin von EU-Ländern geschlossen wird. Drittens schreitet der Zubau von erneuerbaren Energien nicht genügend schnell voran. Schätzungen gehen zum Beispiel davon aus, dass Solaranlagen um ein Vielfaches schneller ausgebaut werden müssten. Und zu guter Letzt wollen wir im Wissen um die Stromknappheit aus der Kernenergie aussteigen. Die Kernenergie liefert aktuell mit ihren vier bestehenden Kernkraftwerken rund 33 Prozent unserer Stromproduktion. Ihr Wegfall würde ein grosses Loch hinterlassen, dass wir momentan nicht mit Erneuerbaren oder Importen zu schliessen vermögen.  

    Was wir tun können 
    Diese Situation ist besorgniserregend. Doch was können wir tun? In erster Linie ist wichtig, dass alle beteiligten Akteure Realitätssinn zeigen und Kompromisse eingehen. Es ist nun ein pragmatischer und realisierbarer Ansatz gefragt, denn wir brauchen künftig «viel von allem». Auch die Wirtschaft versucht in diesem Diskurs einen konstruktiven Beitrag zu leisten und hat fünf Grundpfeiler für eine sichere, nachhaltige und wirtschaftliche Stromversorgung mit verschiedenen kurz-, mittel- und langfristigen Lösungen präsentiert:

    Wenn wir innert nützlicher Frist keine Lösung finden, brauchen wir eine «Notbremse», die uns erlaubt, den regulären Prozess zu verlassen und die nötigen Massnahmen zu ergreifen. Wir schlagen deshalb einen Import-Schwellenwert von etwa 10 Terrawattstunden pro Jahr vor, bei dessen absehbarer und dauerhaften Überschreitung vereinfachte Verfahren gelten. Die Schweiz muss im Winter schon heute viel Strom importieren. Mit einem solchen Schwellenwert können wir einerseits die Importabhängigkeit zum Ausland kontrollieren und uns dadurch nicht allzu abhängig machen. Andererseits hilft uns ein solcher Import-Schwellenwert den Zubau sicherzustellen: Zeigt eine mittel- bis längerfristige Prognose, dass die Stromproduktion der Nachfrage über 10 Terrawattstunden hinterherhinkt, sich also eine Mangellage abzeichnet, müssen die Kapazitäten zur Stromproduktion prioritär und unbürokratisch erweitert werden.

    Wir müssen klare Ziele und Prioritäten setzen. Die Versorgungssicherheit mit Strom steht für uns an erster Stelle, dicht gefolgt von den Klimazielen. Denn ohne genügend vorhandenen, klimaneutralen Strom werden wir nämlich die Klimaziele gar nicht erreichen können. An dritter Stelle steht der Landschafts- und Umweltschutz. Insbesondere die Interessenabwägung zwischen erneuerbaren Energien und dem Natur- und Heimatschutz bleibt dabei ein heikles Thema. Obwohl diese zweifelsohne wichtig sind, kommt ihnen oftmals ein überproportionales Gewicht zu und sie blockieren dringend benötigte Staumauererhöhungen oder alpine Solaranlagen. Aus unserer Sicht sollten gleichlange Spiesse gelten und bei einer absehbaren Strommangellage sollte das nationale Interesse an der Nutzung von erneuerbaren Energien sogar Vorrang haben können. 

    Die Produktion sollte zwingend technologieoffen gestaltet werden. Da wir vor allem im Winter den Strom benötigen, sollten alle Technologien, die einen gewichtigen Winterbeitrag leisten können, bei einer allfälligen Förderung berücksichtigt werden. In erster Linie sind dies Speicherwasserkraft, alpine Photovoltaik und Wind. Bei einer sich abzeichnenden Mangellage sollten nebst diesen erneuerbaren Energien auch andere Technologien zum Zug kommen können, ebenso wie bestehende Anlagen, welche unrentabel sind. Wir müssen bei einer drohender Mangellage alle Register ziehen und sollten demnach auch alle Optionen offenhalten. Gleichzeitig sollte die Schweiz – trotz derzeit fehlendem Stromabkommen – sämtliche Vorbereitungen für eine Integration in den EU-Strombinnenmarkt treffen, sodass wir bei einer Deblockierung der Situation schnell handeln können. 

    Die Kosten für den Zubau von neuen Stromkapazitäten dürfen nicht ausufern. Tragbare Preise sind essentiell für die Wirtschaft und lebensnotwendig für viele KMU und Haushalte. Anstatt aufgrund weiterer Subventionen ständig die Preise zu erhöhen, gilt es, nach kostenneutralen Finanzierungsmodellen aus Sicht der Endkunden zu suchen, indem man zum Beispiel die Marktprämie für Wasserkraft oder die staatlich garantierte Rendite auf Netzen kürzt oder den Wasserzins senkt. Ausserdem ist die vollständige Marktöffnung im Strombereich längst überfällig. Sie ist Voraussetzung für Innovation und Wettbewerb. So steht etwa der geschlossene Markt dem Ausbau der Solarenergie im Wege.

    Wir müssen die Stromeffizienz vorantreiben, denn: Die eingesparte Kilowattstunde ist die günstigste Kilowattstunde. Dazu benötigt es die richtigen Rahmenbedingungen. Die Wirtschaft möchte mit dem Modell der Zielvereinbarungen eine Stromeffizienzoffensive starten. Ein Unternehmen würde mit dem Bund eine Effizienz-Zielvereinbarung abschliessen und bei Zielerreichung im Gegenzug den Netzzuschlag (aktuell 2,3 Rappen pro Kilowattstunde) zurückerstattet erhalten. Dies wäre der ideale verhaltensökonomische Anreiz, um massiv Strom einzusparen. Dieses Prinzip hat sich bereits als sehr erfolgreich bei CO2-Emissionseinsparungen erwiesen und könnte analog auch auf das Energiegesetz ausgeweitet werden. 

    Die Zeit der roten Linien und politischen Maximalforderungen ist vorbei – zu akut ist das Problem und zu gravierend sind die Konsequenzen. Es braucht jetzt Kompromisse von allen Seiten, damit eine klimaneutrale Schweizer Stromversorgung auch in Zukunft gesichert ist und wir die Voraussetzungen für die Erreichung der Klimaziele bewahren. 

    Alexander Keberle 


    Zur Person: Alexander Keberle ist Mitglied der Geschäftsleitung von economiesuisse, dem Dachverband der Schweizer Wirtschaft und verantwortlich für den Bereich Energie, Umwelt und Infrastruktur